Marcel Ostertag Spring Summer 2027 BFW

Marcel Ostertag im Interview – BFW SS27

Am 4. Juli 2026 präsentierte der Designer Marcel Ostertag im Rahmen der BFW seine SS27 Kollektion im Westin Grand Hotel Berlin. Tagsüber lud die Styling Lounge ein, die neue Kollektion zu bewundern und kaufen und später am Abend wurde der Auftritt in Berlin mit einer Cocktailparty abgeschlossen. Zur Runway-Show und dem 20-jährigen Jubiläum haben wir Marcel Ostertag persönlich gefragt.

Dieses Jahr feiern Sie Ihr 20-jähriges Jubiläum als Designer. Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

In 20 Jahren passiert sehr viel, das ist fast ein Viertel Jahrhundert. Ganz besonders aufregend fand ich natürlich die Anfangszeit. Ich habe an sehr vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen und viele Menschen kennengelernt. Sehr spannend war auch die New York Fashion Week, an der ich in drei Jahren sechs Shows präsentierte. Trotzdem hat jede Kollektion und jede Saison etwas besnderes. Es sind immer schöne Momente dabei.

Was für eine Geschichte möchten Sie mit ihrer aktuellen SS27 Kollektion erzählen?

Ich möchte in den aktuellen düsteren dunklen Zeiten Strahlen und Licht und Freude und Liebe verbreiten und die Menschen für einen Moment in eine andere Welt katapultieren. Natürlich darf man nicht alles was aktuell passiert unter den Teppich kehren, aber man darf sich zumindest schöne Momente im Leben schaffen. Ich bin froh als Designer dazu beizutragen und allen ein gutes Gefühl mitgeben kann. Die tanzenden Blumen stehen für Positivität, Lebensfreude, Liebe, Spaß und das Miteinander. Wie immer ist die Kollektion von der 70er Diskokultur angehaucht. Das ist so meine Epoche, in der ich designtechnisch gerne unterwegs bin. Auch ein nachhaltiges Thema ist mit dabei. Wir arbeiten mit Deadstock Materialien, also Stoffen, die schon von anderen großen Designern im Überhang produziert worden sind.

Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle bei Ihnen. Das zeigt sich auch in Ihrem lebenslangen Reparaturservice. Wie kommt das bei Ihren Kundinnen an?

Es kommt sehr gut an. Es gibt Kundinnen, die mich schon seit 20 Jahren verfolgen und es kann immer Mal passieren, dass eine Naht reißt oder ein Knopf abgeht. Bei günstigeren Marken werden die Sachen einfach aussortiert und weggeworfen. Bei uns kann man die Stücke wieder bringen und aufarbeiten lassen. Weil die Kollektionen immer 70er und 80er angehaucht sind, sind es komplett zeitlose Teile, die dadurch oft zu vielgetragenen Lieblingsstücken werden. Wenn etwas ganz oft getragen wird, muss irgendwann ein bisschen nachgearbeitet werden und das bieten wir unseren Kunden weiterhin an.

Bald soll es für Marcel Ostertag nach Paris gehen. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?

Ich habe mich letztes Jahr dazu entschieden nicht mehr mit dem Runway in Berlin zu zeigen. Eigentlich wollte ich nach Mailand, da mein Bruder halber Sizilianer ist, meine Familie lange dort gelebt hat und ich Italienisch spreche. Im Januar kam dann aber die Anfrage aus Paris rein und wenn Paris ruft, dann muss man kommen. Ich habe als junger Designer natürlich immer davon geträumt in Paris zu zeigen, aber ich habe natürlich auch immer realistisch betrachtet, dass die Konkurrenz zu groß ist. Ich komme nicht gegen Louis Vuitton oder Dior an, denn Marcel Ostertag ist ein kleines Boutiquelabel. Jetzt habe ich eine andere Einstellung, denn es wird seinen Grund haben, dass ich angefragt wurde. Wir zeigen in der alten Location von Karl Lagerfeld im Hôtel de Maisons. Das ist wirklich ein Jungendtraum, das opulente alte Palais mit Stuck an den Decken und Fischgrätparkett wie man es aus den Videos kennt. Die Flügeltüren gehen auf, die Models kommen heraus… Das war schon immer mein Traum und jetzt wird er wahr. Das passt natürlich auch perfekt zum 20-Jahres-Jubiläum.

In 20 Jahren kommen viele Kollektionen zusammen. Welche Designelemente waren von Anfang an dabei?

Ich habe früher sehr viel mit Schnallen gearbeitet. Da hat Marina Hoermanseder noch studiert, als ich schon überall Buckles drauf hatte. Dann hat Marina das in ihre Markenidentität verwandelt und ich habe mich etwas davon entfernt. Jetzt kommen sie aber wieder ein bisschen zurück bei Marcel Ostertag. Außerdem sind die 70er und 80er Jahre immer ein Thema bei mir. Ich mag die Silhouette von damals und diese Aufbruchstimmung im Modischen. Es entstanden viele neue Schnitte, die Röcke wurden kürzer, es wurden neue Techniken entwickelt und auch da war mir schon immer diese Lebensfreude ganz wichtig und dass diese in meine Kollektionen transportiert wird.

Was hat sich verändert?

Seit ein paar Saisons zieht sich das große Blumenthema durch, weil ich merke, dass Mutter Natur als Inspirationsquelle, gerade auch plakativ auf Stoffe gedruckt, die Leute zum Verweilen einlädt. Man fragt sich: “Was sind das für Blumen? Das ist aber toll schattiert, das sieht so natürlich aus!” Das ist ein ganz guter Einstieg in die Kollektion. Ich werde immer wieder nach meinen Inspirationsquellen gefragt. Natürlich beinhaltet das auch Musik, Film, Literatur oder David Bowie, aber die größte Inspirationsquelle ist ist immer Mutter Natur. Wir wohnen mittlerweile auf einem Gnadenhof in Bayern und wenn wir hinten die Tore aufmachen, sind dort nur Wald, Wiesen und kleine Bäche. Dort lebe ich jetzt seit zweieinhalb Jahren und mein ganzes Mindset hat sich verändert. Ich sehe den Ort als große Kraftquelle und Energiepunkt und von diesem Ort in Bayern ströme ich jetzt aus in die ganze Welt.

Wir befinden uns in einer Zeit großen wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen Wandels. Was müssen unabhängige Designer in den nächsten Jahren beachten und wo tun sich neue Chancen auf?

Viele Unternehmen stellen gerade komplett auf künstliche Intelligenz um. KI ist ein spannendes Werkzeug mit dem man kreativ sein kann, dabei darf man aber die Mitarbeiter nicht vergessen. Es muss immer beides Hand in Hand gehen. Man darf nicht alle Mitarbeiter wegrationalisieren, nur weil man weiß, dass man es jetzt schnell selbst am Computer machen kann. Innovation muss immer mit Herkunft zusammenspielen. Unternehmen müssen modernisiert werden, das muss aber gemeinsam stattfinden damit etwas tolles daraus wird. Wirtschaftlich ist es in Deutschland gerade sehr schwierig. Das liegt nach wie vor an der komplexen Bürokratie, die es Start-Ups erschwert hier Fuß zu fassen. Natürlich macht es auch die aktuelle politische Lage nicht leichter. Sie drängt internationale Investoren und Kreative in andere Länder.

Was müsste in Paris passiert sein, damit Sie ein einem Jahr darauf zurückblicken und zufrieden sind?

Die erste Show wird natürlich sehr aufregend für uns, weil wir dadurch ein komplett neues Netzwerk eröffnen und mit neuen Agenturen und PR-Leuten zusammenarbeiten und neue Kooperatioen bilden. Ich wünsche mir einfach, dass bei mir alles im Fluss bleibt und dass es so weitergeht. Ich bin ein sehr energetischer Mensch und immer wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich die nächste. Ich sehe Niederlagen nicht negativ, sondern als Herausforgerung. Der erste Coronalockdown zum Beispiel, war für mich die schönste Zeit. Ich musste nicht beruflich reisen und konnte meine Zeit zu Hause genießen und mich mit dem Ort mehr verbinden. Wir haben die ganze Wohnung renoviert, jeden Tag eine Fahrradtour gemacht und neue Business-Ideen gehabt. Wahrscheinlich wird bis zum nächsten Jahr bei uns und weltweit noch viel passieren, davon lasse ich mich aber nicht beeinflussen und gehe weiter meinen Weg. Es geht mir nicht darum einen Ferrari vor der Tür stehen zu haben. Ich arbeite an meiner Marke so, dass es jede Saison weitergeht und dass ich mir wieder eine tolle Show leisten kann und schöne Kampagnenshootings mit echten Models leisten kann.

Autorin: Maya Zieger – Fotos: Maya Zieger

Marcel Ostertag im Interview – BFW SS27 – Impressionen

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