Am 1. Februar verwandelte die österreichische Designerin Rebekka Ruétz die Alte Münze Berlin in eine eindrucksvolle Bühne für ihre Kollektion LILITH, die sie im Rahmen der Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2026 präsentierte. Bereits der Auftakt setzte den Ton. Zu Lordes „Everybody Wants to Rule the World“ betraten die ersten Models den Runway und etablierten eine Atmosphäre von Widerstand und Selbstbehauptung. Ruétz beschreibt ihre Entwürfe selbst als „Mode für die moderne Amazone“ – ein klares Statement, das Frauen dazu ermutigen soll, ihr wahres Selbst zu entdecken und ohne Einschränkungen zu leben.
Lilith neu interpretiert: von der Dämonin zum Vorbild
Namensgeberin der Kollektion ist Lilith, eine Figur der jüdischen Mythologie, die als rebellisch, unabhängig und ungehorsam gilt – Eigenschaften, für die sie über Jahrhunderte dämonisiert wurde. Rebekka Ruétz greift dieses Bild bewusst auf und interpretiert es neu. Mit dem Leitsatz „What was demonized returns in peace“ beschreibt sie ihre Vision: die Zurückgewinnung der Eigenschaften, die Frauen historisch abgesprochen oder negativ zugeschrieben wurden. Wut ist dabei präsent, jedoch nicht als destruktive Kraft, sondern als Motor für Veränderung. Im Zentrum steht vielmehr die Ganzheit des weiblichen Selbst – unperfekt, im Wandel, und genau deshalb vollkommen.
Kriegerinnen in Weiß, Schwarz und Blutrot
Visuell wird das Konzept vor allem über die Farbpalette getragen. Reinweiß, Tiefschwarz und vor allem Blutrot dominieren die Looks. Rot zieht sich als stilgebende Linie durch die Kollektion; zwischen unschuldigem Weiß und düsterem Schwarz erzeugt es einen Kontrast, der eine Spannung erschafft. Teilweise sind die Säume der Kleidungsstücke mit roten oder schwarzen Sprenkeln versehen, die sie fast wie blut- oder schmutzverschmiert aussehen und den Kleidungsstücken einen kriegerischen Look verleihen. Trotz unterschiedlicher Schnitte und Stilrichtungen zeigen alle Entwürfe ein klares Bild: das einer selbstbestimmten, unnachgiebigen Frau.
Rebekka Ruétz im Interview
In diesem Interview spricht Rebekka Ruétz über ihre Kollektion LILITH, die sie im Rahmen der Berlin Fashion Week präsentiert. Es geht um Mythologie als modisches Narrativ, Literatur und um High Heels.
Moos: Natur als textile Oberfläche
Besonders ins Auge fiel die gesprenkelte Oberflächenstruktur, die sich wie ein Verlauf zu den Säumen der Kleidungsstücke hin verdichtet. Für diesen Effekt verwendete Ruétz echtes, eingefärbtes Moos, das auf die Textilien aufgepresst wurde – ganz ohne Klebstoff. Diese experimentelle Technik unterstreicht nicht nur den neugierigen, handwerklichen Anspruch der Designerin, sondern auch ihr Umweltbewusstsein. In der Nachhaltigkeit bleibt Ruétz konsequent: Bio-Denim, Bio-Baumwolle und veganes Leder sind zentrale Materialien der Kollektion und setzen ein klares Statement für verantwortungsbewusstes Design.
Masken, Mythen, Macht
Ein weiteres prägendes Element der Show waren die Masken, die die Models auf dem Runway trugen. Gefertigt aus Kunststoff oder gehäkelten Kunsthaaren, wirkten sie gleichermaßen fremd und faszinierend. Entstanden sind sie in etwa 400 Stunden intensiver Zusammenarbeit mit Sam Hill von der Make-up-Artist-Agency Inclover. Ein wichtiger Wunsch von Rebekka Ruétz war es, das Symbol der Schlange in Anlehnung an die mythologische Sagengestalt Medusa aufzugreifen – ein weiteres Sinnbild für weibliche Macht, die historisch gefürchtet und zu Unrecht verbannt wurde. Um die mystische Atmosphäre noch zu verstärken, wurden Lichtquellen in die Masken und sogar in die Münder der Models integriert. Ein Detail, das faszinierte Blicke auf sich zog.
Eine Inszenierung der Selbstermächtigung
Mit LILITH gelingt Rebekka Ruétz eine kraftvolle Inszenierung, die Mode als Erzählung ihrer Reise zu sich selbst nutzt. Die Kollektion verbindet Mythologie, Materialinnovation und gesellschaftliche Haltung zu einem stimmigen Gesamtbild. LILITH ist keine leise Show – sie fordert heraus, konfrontiert und lädt gleichzeitig dazu ein, vermeintlich dämonisierte Eigenschaften neu zu betrachten.
Autorin: Lilia Barth – Fotos: James Cochrane
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