Mit Martin Quad Spring Summer 2027 präsentierte der dänische Designer Martin Juncker seine Kollektion „Woodman Pt. 2“ im Rahmen von INTERVENTION VI, dem von Reference Studios kuratierten Format der Berlin Fashion Week. Im Kronprinzenpalais wurde die Frühjahr/Sommer-2027-Kollektion nicht als klassische Runway-Show inszeniert, sondern als verdichtete Performance zwischen Mode, Oper, Fotografie und Installation. Damit knüpfte Martin Quad an jene Arbeitsweise an, die das junge Kopenhagener Label seit seiner Gründung prägt: Kleidung wird nicht nur als tragbares Objekt verstanden, sondern als visuelles, akustisches und räumliches Medium.
Ausgangspunkt der Kollektion ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk der verstorbenen amerikanischen Fotografin Francesca Woodman. Ihre Bildsprache – Spiegelungen, Doppelungen, fragmentierte Körper, verschwimmende Räume und das Motiv des Verschwindens – übersetzt Creative Director Martin Juncker in Silhouetten, Schnitte und Proportionen. Die Looks wirken wie fotografische Echos ihrer selbst: vertraut und zugleich verschoben, klassisch und zugleich irritierend.
Kurz erklärt
Unter „Woodman Pt. 2“ versteht Martin Quad eine Weiterentwicklung der gleichnamigen Präsentation, die zuvor während der Mailänder Fashion Week gezeigt wurde. Für Berlin wurde das Konzept neu interpretiert und stärker auf die besondere Raumsituation, den performativen Kontext von INTERVENTION VI und die unmittelbare Wirkung der Silhouetten auf dem Runway zugespitzt.
Martin Quad Spring Summer 2027 zwischen Fotografie, Oper und Performance
Die Martin Quad Spring Summer 2027 Kollektion ist ursprünglich als opernhafte Choreografie angelegt. Für die Berliner Präsentation blieb dieser Gedanke spürbar: Die Models bewegten sich nicht nur durch einen repräsentativen historischen Raum, sondern durch eine Bühne, auf der Kleidung, Musik und Körperhaltung miteinander korrespondierten. Die eigens komponierte Oper von Martin Juncker und der Kopenhagener Künstlerin und Komponistin Soli City bildet die klangliche Grundlage der Präsentation. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen strenger Schneiderkunst und emotionaler, fast traumartiger Atmosphäre.
Set Design und Art Direction wurden von Kristian Kirk von inter.agcy entwickelt, während der Berliner Tim Heyduck als Stylist und Creative Consultant für die Kollektion und die Präsentation eingebunden war. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit verstärkt den Eindruck, dass Martin Quad Mode nicht isoliert denkt, sondern als Teil eines größeren kulturellen Bildsystems. Die Show arbeitet mit Erinnerung, Wiederholung, Schatten und Blickachsen – und macht damit sichtbar, wie stark Kleidung als Träger von Projektion und Identität funktionieren kann.
Francesca Woodman als visuelle Referenz
Francesca Woodmans Fotografien sind bekannt für ihre poetische Unschärfe, ihre körperliche Verletzlichkeit und ihre komplexe Beziehung zwischen Figur und Raum. Martin Quad übernimmt diese Referenz nicht als bloßes Zitat, sondern übersetzt sie konstruktiv in Kleidung. Spiegelung wird dabei zur Methode: Kleidungsstücke werden verdoppelt, verschoben, invertiert oder fragmentiert. Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Jackett, eine Hose oder ein Kleid erscheint, zeigt bei genauerem Hinsehen Brüche in der Konstruktion.
Diese Idee zeigt sich besonders deutlich in den asymmetrischen Looks der Kollektion. Ein Bein ist verhüllt, das andere freigelegt; ein Ärmel wirkt wie eine dunkle Verlängerung des Körpers; ein Blazer scheint an der Taille zu kippen; ein Hut verdeckt die Hälfte des Gesichts. So entsteht eine visuelle Sprache, die Woodmans Motive von Sichtbarkeit und Verschwinden in die Gegenwart der Mode überträgt.
Verzerrte Schneiderkunst: Jackets, hohe Taillen und fragmentierte Silhouetten
Im Zentrum von „Woodman Pt. 2“ steht die Manipulation klassischer Tailoring-Elemente. Traditionelle Silhouetten werden nicht verworfen, sondern verfremdet. Jacketts drapieren oberhalb der Hüfte, Blazer gehen in Shorts über, Hosen und Röcke sitzen ungewöhnlich hoch unterhalb der Brust. Einige Looks wirken wie Anzüge, die aus ihrer gewohnten Ordnung geraten sind. Andere erinnern an Uniformen, Büroklassiker oder Abendgarderobe, die durch kleine Eingriffe eine neue, fragile Spannung erhalten.
Auffällig ist der Einsatz von grauem Wollstoff, feinen Karomustern, weißen Hemden, schwarzen Krawatten und streng gesetzten Gürteln. Diese Elemente könnten zunächst konservativ wirken, werden jedoch durch Proportionsverschiebungen, asymmetrische Längen und körpernahe Drapierungen aus ihrer gewohnten Funktion gelöst. Die Kollektion spielt mit dem Vokabular klassischer Männermode, erweitert es aber in Richtung Androgynität, Theatralität und körperlicher Ambivalenz.
Besonders prägnant sind die hohen Bundlösungen, die teilweise bis über die Brust reichen. Sie verändern die Körperachse und verschieben den Blick auf Taille, Torso und Beinlinie. Auch die Filzhüte, die einzelne Gesichter teilweise verdecken, verstärken das Motiv der fragmentierten Identität. Die Models erscheinen nicht als reine Trägerinnen und Träger der Kleidung, sondern als Figuren in einem visuellen Zwischenraum.
Schwarz, Grau und Transparenz als visuelle Sprache
Farblich bewegt sich die Kollektion in einem reduzierten Spektrum aus Grau, Schwarz, Weiß und wenigen warmen, metallisch schimmernden Akzenten. Diese Konzentration unterstützt den fotografischen Charakter der Präsentation. Grau melierte Anzüge, Hahnentritt-Strukturen, schwarze Ledervariationen und transparente Lagen erzeugen eine Bildsprache, die zwischen Archiv, Erinnerung und Gegenwart pendelt.
Neben den Tailoring-Looks treten schwarze Kleider, ärmellose Westen, transparente Tops und fließende Lagen aus Seidenorganza auf. Die Transparenz wirkt dabei nicht dekorativ, sondern konzeptuell: Sie legt frei, überlagert und entzieht sich zugleich. Gerade in Kombination mit halb verdeckten Gesichtern, asymmetrischen Strümpfen und maskenhaften Accessoires entsteht ein Spannungsfeld aus Offenlegung und Verbergung.
Die Runway-Bilder zeigen außerdem, wie stark Martin Quad mit Wiederholung arbeitet. Einzelne Motive kehren in veränderter Form zurück: das weiße Hemd mit schwarzer Krawatte, der hochgezogene Bund, der schwarze Lederriemen, die halbe Verhüllung des Gesichts, der Kontrast zwischen nacktem Bein und schwarzem Strumpf. Dadurch entsteht ein serieller Rhythmus, der an fotografische Sequenzen erinnert.
Von Mailand nach Berlin: „Woodman Pt. 2“ als Neuinterpretation
„Woodman Pt. 2“ ist keine komplett neue Show, sondern eine Weiterentwicklung der ersten Präsentation, die am 19. Juni während der Mailänder Fashion Week gezeigt wurde. In Berlin wurden die gleichen Themen und die gleiche Bildsprache erneut aufgegriffen, jedoch in einer konzentrierten, räumlich neu gesetzten Form interpretiert. Der Wechsel von Mailand nach Berlin ist dabei mehr als ein Ortswechsel: Er verändert die Lesart der Kollektion.
Während die Mailänder Präsentation den internationalen Auftakt der Kollektion markierte, setzte Berlin stärker auf die Verbindung von Fashion Week, Kulturformat und performativer Inszenierung. Im Kontext von INTERVENTION VI wurde Martin Quad Teil eines Programms, das Mode bewusst in einen größeren Dialog mit Kunst, Erinnerung, Musik und Gegenwartskultur stellte. Genau darin liegt die Stärke dieser Präsentation: Sie funktioniert nicht nur als saisonale Kollektion, sondern als ästhetischer Kommentar zur Frage, wie Kleidung Identität sichtbar macht – und zugleich verschleiert.
Martin Quad: Ein junges Label zwischen Mode, Theater und Installation
Martin Quad wurde 2023 von dem dänischen Designer und Creative Director Martin Juncker gegründet. Trotz der jungen Labelgeschichte hat sich die Marke bereits durch performative Präsentationen positioniert, die Mode, Theater und Installation miteinander verbinden. Frühere Arbeiten wie die selbst geschriebene Oper „Voici Venir Les Oiseaux!“, das Performance-Stück „In Loving Memory Of…“ und „Sixfold Fate Pt. 2“ zeigen, dass Martin Quad den Laufsteg als dramaturgischen Raum begreift.
Die kreative Entwicklung der Kollektion findet weiterhin im Atelier der Marke in Kopenhagen statt. Gerade diese Verankerung in einer unabhängigen, konzeptuell arbeitenden Designpraxis macht Martin Quad zu einem der spannenden Namen im internationalen Kontext der Berlin Fashion Week SS27. „Woodman Pt. 2“ zeigt, wie präzise Schneiderkunst, künstlerische Referenz und performative Inszenierung miteinander verschmelzen können, ohne ihre Spannung zu verlieren.
Autorin: Lina Reinhard – Fotos: Finnegan Koichi Godenschweger




























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