Natascha von Hirschhausen Titelbild

Natascha von Hirschhausen: Interview zu Nachhaltigkeit in der Mode

Die Berliner Modedesignerin Natascha von Hirschhausen startet 2016 mit ihrem gleichnamigen Zero-Waste Label durch und zeigt, dass moderne und ästhetische Kleidung keine spezielle Saison braucht. Im Dezember 2021 treffen wir die junge Frau in ihrem Store, im Q205 in Berlin Mitte, zu einem offiziellen Interview.

FSB: Wie oder worüber definierst du dich? Wer bist du?

Definieren ist so ein großes Wort, ich kann mich gerne vorstellen. Ich bin Natascha von Hirschhausen. Ich bin Modedesignerin und habe schon immer in Richtung Nachhaltigkeit gearbeitet. Meine Frage war: Wie nachhaltig kann man Mode machen? Also klar, hundert Prozent gibt es nicht, aber meine Frage war, was passiert, wenn man versucht, so nah wie möglich an die hundert Prozent zu kommen?

FSB: Was bedeutet für dich persönlich Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit beginnt erstmal damit, den Status Quo zu hinterfragen und auch wirklich ergebnisoffen den Sinn zu erfragen und zu untersuchen, wie man das System ändern könnte, sodass es zukunftsfähiger ist. Ich mache das jetzt erstmal gar nicht so konkret an einzelnen, kleinen Dingen fest. Gerade in der Modeindustrie wäre es wichtig, dass man mit nachhaltigen Materialien arbeitet und dann auch auf jede weitere Komponente achtet. Ich selbst arbeite übersaisonal, weil ich denke, dass es nicht glaubwürdig ist, wenn man den Begriff Nachhaltigkeit in Verbindung mit Saisonen verwendet. Außerdem heißt es für mich auch abfallfrei zu arbeiten.

FSB: Wie bist du zum Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie gekommen?

2014 war ich in Bangladesch und habe dort selbst alles erlebt, was man zuvor schon gelesen, gesehen und gehört hat. Ich habe gesehen, welche Massen an Müll dort entstehen. Ich weiß, dass pro Anfertigungsstück ungefähr 20% alleine schon im Zuschnitt an Verschnitt anfallen. Es wird so viel produziert und die Reste bedecken fast das ganze Land. Das hat mich wirklich angefasst und ich meinte zu mir selbst: Okay, wenn ich etwas produziere, dann muss es nachhaltig sein!

Zum Thema Nachhaltigkeit war dann meine nächste Frage: Kannst du überhaupt nachhaltig sein und noch ein Produkt auf den Markt bringen, der eigentlich schon voll besetzt ist? Und da habe ich dann gesagt, wenn ich es wirklich schaffe, eine ausgewogene Kollektion anzufertigen, die Zero-Waste, also das heißt mit weniger als ein Prozent Verschnitt produziert wurde und bei der alle Komponenten entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit geprüft sind, also wenn ich das alles schaffe, dann kann ich es für mich vertreten, Mode zu machen.

FSB: Wie sieht deine Zero-Waste-Policy konkret aus? Wie arbeitest du effizient, um möglichst wenig Stoffverschnitt zu erhalten?

Es gibt drei Techniken, die ich verfolge. Das ist zum einen das Stricken, da man auf Form strickt und so kein Verschnitt anfällt. Außerdem arbeite ich mit dem Drapieren von Rechtecken, die auf die Stoffbreite angelegt sind, so kann man wunderschöne Drapierungen machen und Kleider, Jacken, Mäntel und Capes erzeugen. Ich wollte aber die gesamte Bandbreite anbieten, also auch Hosen und Anzüge, und dafür arbeite ich dann mit Zero-Waste-Schnitten und das ist das wirklich Besondere. Einen konventionellen Schnitt kann man sich ein bisschen vorstellen wie Weihnachtsplätzchen backen, man hat die einzelnen Ausstecherformen und versucht diese möglichst effizient nebeneinanderzulegen. So ähnlich versucht auch die Bekleidungsindustrie Schnitte sehr effizient zu legen. Es bleibt aber dennoch immer Restmaterial übrig. Die Reste werden tatsächlich weggeschmissen oder verbrannt. Bei meinen Mustern ist es nicht so, dass etwas übrig bleibt. Bei Schnitten, die Kurven beinhalten, wie etwa für einen Ärmel oder für eine Schrittkurve, wird alles wie einem Puzzle ineinander verschachtelt. So schafft man es also, dass beim Ausschneiden nichts übrig bleibt.

FSB: Seit wann verwendest du diese Schnittmuster und wie hast du sie kennengelernt?

Ich habe während meiner Meisterausbildung an der Kunsthochschule Weißensee begonnen, diese Kollektion zu entwickeln. Ich habe beschlossen, dass ich mit Zero-Waste-Schnitten arbeiten möchte. Dann fing das Puzzlen an und ich habe zu Beginn auch sehr gemischtes Feedback bekommen. Ich hatte das große Glück, dass unsere Schnittmeisterin total begeistert von meiner Idee war. Wir haben uns dann beide total reingefuchst und getüftelt, was wie ineinander passen könnte und wie wir alle Schnitte ideal lösen können. Schnitte zu entwickeln finde ich am Spannendsten. Ich muss dabei so kreativ sein und das ist einfach aufregend. Bei meinem Schnittmustern habe ich das Gefühl, dass das etwas Neues auf dem Markt ist und auch Mehrwert bringt, weil es eben möglich ist, auch abfallfrei zu arbeiten.

FSB: Was sagen dir die Begriffe Slow-Fashion und Fast-Fashion? Was bedeutet das für dich?

Erstmals sind das alles nur Worte. Ich habe das Gefühl, dass viele Worte und Bezeichnungen sinnentleert verwendet werden. Fast-Fashion finde ich wirklich eines der Probleme unserer Zeit. Es geht nicht einmal darum, ob in Masse produziert wird oder in Kleinstserie, darüber kann man natürlich auch lange diskutieren, aber ich glaube wir müssen zuallererst darüber diskutieren, wie viele Kollektionen pro Jahr oder pro Saison überhaupt auf den Markt gebracht werden? Wie schnell muss ich ein Angebot ändern? Und das ist ja gerade bei Fast-Fashion das Problem, wo Kollektionen innerhalb von Wochen geändert werden. Damit erzeugen wir eine ökologische Katastrophe.

FSB: Welche Vorschläge oder Tipps hättest du für andere Labels oder Designer, wie auch sie ihr Programm in Richtung Sustainability auslegen könnten, um nachhaltiger zu arbeiten?

Ich glaube es gibt zwei wichtige Punkte. Erstens ist es immer die Materialauswahl. Wer kann sollte also auf Naturmaterialien zurückzugreifen, um plastikfrei zu arbeiten. Wenn es geht natürlich auch biozertifiziert. Der nächste Schritt wäre dann die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette. Das zweite ist es, bei der Produktionsmenge aufzupassen. Vielleicht ein „made-to-order“ Prinzip anzuwenden, denn Überproduktion ist wirklich eines der großen Probleme. Außerdem ist es für junge Unternehmen oft auch ein Kapitalproblem und gar nicht nur so sehr ein Nachhaltigkeitsproblem. Was ich mir generell wünschen würde ist, dass wir alle ehrlich umgehen mit Begriffen wie Nachhaltigkeit. Dass wir ehrlich sind mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Leider wird oft vieles missverstanden, falsch kommuniziert oder Begriffe werden einfach falsch gebraucht. Es muss nicht jeder alles richtig machen. Es kann nicht jeder alles richtig machen. Die hundert Prozent gibt es nicht und es gibt die null Prozent nicht. Ich würde mir wünschen, dass wir einfach ehrlich sind.

Autor: Carina Haitszinger – Fotos: © Natascha von Hirschhausen

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