Marcel Ostertag Interview 2022 - MBFW AW 22

Marcel Ostertag im Interview: “Für mich ist die Mode mein Kind der Liebe” – MBFW AW 2022

Im Backstage Bereich der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin wirkt kurz vor Showbeginn noch alles ganz ruhig: Die Models sind vorbereitet, die Stimmung ist gelassen. Und das auch beim Designer. Wir haben Marcel Ostertag vor seiner Marcel Ostertag Herbst Winter 2022 Show im Kraftwerk getroffen und mit ihm über seine neue Kollektion “Love Child”  gesprochen.

Fashionstreet-Berlin (FSB): Die Pandemie hat an vielen Nerven gezehrt. Wie hast du sie erlebt und wo hast du während des Lockdowns Inspiration gefunden?
Mich hat die Pandemie angepeitscht noch mehr zu machen, noch kreativer zu sein. Wir hatten für uns den Leitspruch: Krise macht kreativ. Wir haben viele neue Wege entdeckt, die und Liebe, Farbe sowie Freude in die neue Kollektion bringen. Die aktuellen Nachrichten und das aktuelle Geschehen auf der Welt ist wie ein Brainwash – egal welchen Fernsehsender man anmacht, gibt es nur noch negative Botschaften. Aber Mode ist ein Kommunikator und wir haben die Kraft mit unserer Bühne etwas nach außen zu strahlen: das ist momentan Liebe, Positivität, Diversity und vor allem Frieden.

FSB: Was bedeutet Liebe für dich?
Liebe ist für mich der Motor, Liebe treibt mich an. Seit fast drei Jahren bin ich verheiratet und mein Mann ist mittlerweile auch Teil unserer Firma. Wir leben das gemeinsam total. Die Liebe ist eine Emotion, die sich wahnsinnig schön in Mode transportieren lässt. Durch Farbe, Haptik, Materialien und Story, die dahinterstecken, die in Shootings inszeniert werden. Das gebe ich natürlich alles meinen Kunden mit und die leben das genauso.

FSB: Du hast gerade von deinem Mann gesprochen. Eine deiner letzten Kollektionen im Sommer war „Lovers“, die kam zeitgleich mit eurer Hochzeit.
Ich bin tatsächlich zwei Wochen nach der „Lovers“ Show mit meinem Mann zusammengekommen. Zu dem Zeitpunkt haben alle das Thema „Liebe für alle“ in den Himmel gerufen. Und anscheinend hat es dann auch mich getroffen.

FSB: Und welche Message verbirgt sich jetzt hinter deiner neuen Kollektion „Love Child“?
Der Kollektionsname sagt es schon: Für mich ist die Mode mein Kind der Liebe. Mein gesamtes Team und mein Mann sehen das genauso. Dementsprechend haben wir geballt all unsere Liebe reingesteckt und wollen, dass genau das weitergegeben wird.

FSB: In welche Richtung geht’s bei euch für Herbst/Winter 2022?
Die Silhouette ist angelehnt an den Anfang der 80er Jahre. Das ist für mich einfach eine sehr schöne, homogene Zeit gewesen, in der Frauen sich hergerichtet haben. Diesen Glamour haben wir eingefangen und mit einer liebevollen Farbpalette versehen: Rottöne, Bordeaux, Alt, Rosé. Zudem arbeiten wir zum ersten Mal mit extremen Mustermixen aus beispielsweise Karo und Blumen.

FSB: Und Accessoires?
Dieses Jahr gibt es tatsächlich nur Klamotte. Wir planen aber für die nächste und die übernächste Saison noch ein paar neue Produktgruppen mit aufzunehmen.

FSB: Die Kollektion präsentieren deine Musen, Einkäufer und unterschiedliche “Typ Frauen”…
Ich möchte dadurch zeigen, dass die Mode von allen getragen werden kann. Es ist leider Gottes immer noch so, dass Mode oft nur als Bekleidung gilt und ein Wegwerf-Artikel ist. Für mich ist es genau das Gegenteil. Ich lebe Mode seitdem ich Kind bin – es ist für mich ein ganz besonderes Tool. Denn sobald wir uns morgens ein bisschen mehr Zeit, Self-Care  und Self-Love schenken, verlassen wir ganz anders das Haus und wirken auch anders auf andere Menschen. Deshalb ist Mode für mich Kultur und Ausdruck der Persönlichkeit. Das alles gebündelt ist eine Message, von der wir hoffen, dass sie auch ankommt.

FSB: Wie geht Marcel Ostertag mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Bereits meine Abschlussarbeit vor 15 Jahren war nachhaltig aufgebaut. Das war eine Neuheit, weil es damals noch nicht in aller Munde war. Wir haben von meiner ersten Kollektion an damit angefangen, alles lokal zu produzieren. Nämlich in Deutschland, Polen und Italien. Kurze Wege sind der erste Schritt zur Nachhaltigkeit. Darüber hinaus arbeiten wir mit nachhaltigen Materialien und legen Wert auf Zeitlosigkeit. Meine Stücke können zu jeder Saison getragen werden. Ich habe Kundinnen, die tragen meine Sachen von vor 15 Jahren noch immer. Das ist doch der Beweis, dass gute Mode, wenn man sie qualitativ hochwertig ansiedelt, kein Verfallsdatum hat.

FSB: Du hast in London studiert und bist anschließend zurück nach Berlin gekommen. Was hat dich dazu gebracht, zurück nach Deutschland zu kommen?
Ich hatte Jobangebote in London, Italien, New York und Amsterdam. Die Frage war: Möchte ich mich für eine große Brand jahrelang verbrennen und eventuell vielleicht auch meinen Spirit verlieren? Nein. Also, warum nicht einfach zurück nach Berlin? nach sechs Jahren Ausland wollte ich ehrlich gesagt auch zurück zur Familie. Mir war damals noch nicht bewusst, dass der Weg in Deutschland steinig und schwer werden wird.

FSB: Wie würdest du die deutsche Modekultur und ihre Entwicklung beschreiben?
Die deutsche Modekultur ist immer noch schwierig, weil sie eben noch nicht als solche gesehen wird. Als Designer braucht man auch finanziellen Support. Und das ist bei uns in Deutschland alles sehr schwierig gewesen, da dieses Segment von der deutschen Politik immer noch stiefmütterlich angegangen wird. Dementsprechend habe ich am Anfang meiner Karriere auch alles an Wettbewerben mitgenommen, damit ich mich in der Branche finanzieren kann. Ich hatte das Glück, dass ich alles an dem ich teilgenommen habe, gewonnen habe. Manche Redakteure sagen, ich sei eine Rampensau, weil ich überall dabei sein will. Aber das war einfach ein Überlebenskampf. Ich bin jetzt 15 Jahre in der Branche, aber trotzdem brauchen wir, alle Designer, noch Unterstützung. Es ist einfach ein schwieriges Pflaster in Deutschland, bin ich ganz ehrlich.

FSB: Du hast mit eurem Store in Berlin deine Fühler noch weiter ausgestreckt: Wie kommt’s?
Ich bin interessiert an allem, was mit Schönheit zu tun hat. Da gehört für mich auch Ernährung und Duft dazu. Durch Social Media sind Firmen auf mich aufmerksam geworden, die mich vorher nicht auf dem Radar hatten. Das liegt aber auch an unserem neuen Store in Berlin Mitte, wo wir eben nicht nur meine Mode verkaufen, sondern auch noch Nagellack, Beautyprodukte, Vintage Interior und Vintage Fashion. Der Store ist jetzt eine ganz andere Plattform, die auch andere Brands mitnutzen wollen. Dieses Jahr passiert tatsächlich noch mehr.

FSB: Wie beispielsweise Food-Kooperationen?
Ich koche seitdem ich Teenager bin, es ist eine meiner Leidenschaften – seit ich mit 15 aus dem Internat rausgeflogen und in eine Wohnung gezogen bin. Essen lässt sich immer schön inszenieren und umsetzen… aber alles Step by Step.

Das Interview mit Marcel Ostertag hat Tari Weber von Fashionstreet-Berlin geführt.

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