Donnerstag , 2 April 2020
Neo.Fashion 2020 - Graduate Show

Neo.Fashion 2020 – Graduate Show im Überblick

Der erste Tag der Fashion Week Berlin war vor allem dem Nachwuchs gewidmet. Auf der Neo.Fashion 2020 – Graduate Show präsentierten Absolventen von neun deutschen Modeschulen ihre Kollektionen. Die Vielzahl an Präsentationen wurde in drei Abendshows gegliedert und auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So entstand ein gelungener Auftakt, an dem Wirtschaft, Presse und Interessierte zusammenkamen und die Arbeit der nächsten Designergeneration bewunderten.

Die Eventlocation Reef Berlin im Vienna House Andel’s beherbergte dieses Mal die Veranstaltung und konnte sich über reges Interesse und gut gefüllte Sitzreihen freuen. Mehr als 70 jungen Talenten wurde unter dem Motto „Fashion for Future“ eine einzigartige Plattform geboten, um erste Hürden in der Branche zu nehmen. Mit diesem Konzept soll auch der Standort Berlin vermehrt als Modehauptstadt etabliert werden.

HAW Hamburg @ Neo.Fashion 2020

Die Kollektionen der Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg waren die Ersten, die den Gästen gezeigt wurden. Die Absolventen beschäftigten sich sehr philosophisch mit der Bedeutung von Kleidung für das Individuum. Charlotte Strindberg, Margarete Geisler und Maximilian Lüers setzten sich im Designprozess mit der Rolle der Frau auseinander. So entstand auffällige Workwear, ein wilder Materialmix und ein Spiel mit klassischen Herrenstoffen. Insgesamt bewiesen die Hamburger große Experimentierfreude bei der Materialwahl. Von Holzclogs bis zur Zeltplane war alles vertreten.

Angewandte Kunst Schneeberg

Weiter ging es mit den Modedesignern aus Schneeberg. Von ihnen durften acht Nachwuchstalente ihre Interpretation der modischen Zukunft zeigen. Ellen Judith Müller, Kristin Noack und Linh Tran Thuy entschieden sich bei der Abschlussarbeit für Strickelemente. Während Madeleine Haber und Jiri Spata lieber eine gerade Linie und minimalistische Kleidung entwarfen. Jede Idee untermalten die Studenten mit einem passenden Video, das Aufschluss über die Inspirationsquelle und das Konzept geben sollte.

Hs Hannover

Die Young Talents aus Niedersachsen brachten große Vielfalt auf den Laufsteg. Aufsehenerregende Herren-Lingerie von André Rosenberg, nachhaltige Surfwear der Designerin Jingjing Qi und eine Unisex-Kollektion in Bonbon-Farben von Svea Behrens. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Alle Kollektionen eint die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen. Vor allem die Mentalität der Wegwerfgesellschaft wurde immer wieder aufgegriffen.

HfK Bremen

Die Show der HfK Bremen begann mit einer einzigartigen Performance. Ungefähr 30 monochrom in weiß gekleidete Personen betraten den Laufsteg, trugen Mikrofone, zogen Instrumente auf Rollwägen hinter sich her und schüttelten die Fransen der Hüte im Takt. Die Inszenierung des Neo.Fashion.Orchestras, ein interdisziplinär gegründetes studentisches Ensemble, untermalte die Kollektionen musikalisch. Die 7 „Best Graduates“ Kollektionen der HfK Bremen beschäftigten sich mit zusammenfassend Gegensätzen und dem Austesten von Grenzen, sei es zwischen dem Realen und dem Undefinierten, dem Subjekt und dem Objekt oder der Diversität und der Gemeinschaft. Zudem spielten die Dekonstruktion sowie die Rekontextualisierung gewohnter Bekleidungsformen und –schnitte eine große Rolle.

HS Reutlingen

An der Hochschule Reutlingen gehört der Studiengang Modedesign zur Fakultät Textil und Design. Dieser Zusatz des Textildesigns spiegelt sich gerade in der innovativen Oberflächengestaltung, -bearbeitung und –manipulation der sechs gezeigten Abschlusskollektionen wieder. Experimentelle starre Materialien wie Keramik und Plastik treffen auf fluiden Strick oder fotografische Emulsionen. Thematisch dreht es sich um die Facetten des modernen Menschen: Von permanenter Verfügbarkeit über die Geschlechterfrage, Ver- und Enthüllung bis hin zu politischen Protesten. Die Kollektionen wurden von jeweils kleinen Animationen begleitet.

HTW Berlin

Nachhaltigkeit, Innovation und die Beantwortung von Zukunftsfragen sind die Kernelemente der Lehre im Bereich Modedesign an der HTW Berlin. Mit rund 15 ausgewählten Graduiertenkollektionen, trägt sie nicht nur den größten Anteil des Abends voller Mode, sondern zeugt auch von überragender Vielfalt und Inklusion. Gerade durch ihre klare Zielgruppendefinition und dem Gespür für Nischen der Modebranche, heben sich die Absolventen und Absolventinnen ab. Es wird nicht nur eine Kollektion für Menschen mit Down-Syndrom gezeigt, sondern auch eine mit antibakteriellen Materialien für Neurodermiker sowie eine Strickkollektion, die als Tribut an die Ballroom Community gilt. Neben den Schwerpunktstätten für Strick und Print werden viele nachhaltige Materialien eingesetzt.

FH Bielefeld

Die FH Bielefeld legt ihren Schwerpunkt auf dem transdisziplinären Arbeiten, welches den Blick für „vielseitige gestalterische Konzepte“ öffnen soll. Dies äußert sich in den dekonstruierten Looks, komplettiert mit Drappagen, der 7 Absolventenkollektionen. Neue Volumina und faszinierende Silhouetten stehen in Kombination mit Attributen der Flexibilität sowie Anpassung. Als individuelle Verarbeitungstechnik überzeugt hierbei das Weben von Textilien. Die Show der FH Bielefeld wurde, wie im vorherigen Jahr, von den Klängen eines Elektro-Pop Duos begleitet, während rote Projektionen über das Publikum schwebten.

Lette Verein Berlin

Die „Customized Education“ des Lette Vereins bildet die Möglichkeit sich früh auf das persönliche Interessengebiet der Modebranche – sei es Fashion, Kostümgestaltung oder Fashion-Medien – zu spezialisieren. In sehr konzeptionellen Kollektionen entführen die 5 Absolventen des Lette Vereins Berlin in ihr eigenes Narrativ. Opulente Inspirationen des Barock treffen auf die apokalyptische Rebellion entgegen der Heteronormativität, ausladende Brautkleider für Männer auf lässige „Homies“ in Bademänteln mit Zahnbürste und Zahnpasta oder einer Süddeutschen als Accessoires. Diese vielfältigen Facetten werden durch Materialien wie Strick und Filz unterstützt.

Burg Giebichenstein KH Halle

Den krönenden Abschluss des Abends bilden die 6 Abschlusskollektionen der Burg Giebichenstein KH Halle. Diese erforschten verschiedene Konzepte und Formen der Bekleidung, von einer Art performativen Shopping Erlebnis mit Accessoires als höchste Form der Nachhaltigkeit über toughe Motorsport-Outfits inspiriert von dem Geschwindigkeitsrausch zu melancholischen Identitäten und dem wesenhaften Charakter der Haut. Alle Outfits wurden von ausdrucksstarken Fashion Filmen begleitet, welche den Zuschauer beinahe in die Bredouille brachten, zu entscheiden, welchem man lieber die Aufmerksamkeit schenkte: Der Leinwand oder dem Laufsteg.

Neo.Fashion 2020 – Graduate Show beweist: Deutschland bietet genügend kreatives Potenzial, um als Modestandort zu wachsen. Auch deshalb gedeiht die Idee prächtig. Wieder konnte das Format Neo.Fashion. neue Modeschulen dazu gewinnen. Eine Ausweitung des Programms wird auch für das nächste Jahr angestrebt. Ein wichtiger Schritt, um Berlin langfristig als Modestandort zu etablieren.

Autoren: Lisa Beusch, Charlotte Westphal – Fotos: KOWA-Berlin

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